Gebundene Ausgabe (Nagel & Kimche)

Taschenbuchausgabe (dtv)

Der nebenstehende Artikel ist am 1. November 1985 im Landboten erschienen.

Erzählung eines Stücks Schweizer Geschichte

Die Schweizer Schriftstellerin Eveline Hasler las aus ihrem neusten Buch «Ibicaba»

Martin Sauter

Mit «Anna Göldi, letzte Hexe» trat Eveline Hasler 1982 mit einer für sie völlig neuen Art von Literatur an die Öffentlichkeit. Hatte sie bis anhin in erster Linie Kinderbücher verfasst, so präsentierte sie nun ein Buch für Erwachsene, in welchem sie historische Tatsachenberichte und Belletristik gekonnt ineinander verwob. Mit ihrem neusten Werk «Ibicaba - Das Paradies in den Köpfen» knüpft sie stilistisch an dessen Vorgänger an. Zu einer Lesung daraus lud die Autorin kürzlich in die Buchhandlung Atropa ein.

Ibicaba ist der Name eines Orts in Brasilien, welcher für rund 250 schweizerische Auswanderer Mitte des 19. Jahrhunderts das Paradies bedeutet. Halb gezogen von schönfärberischen Berichten, halb gestossen von ihren Heimatgemeinden, welche auf diese Weise ihre Armen und Invaliden loswerden, sind sie auf dem Weg in das Land, in dem all ihre Not ein Ende haben soll. Für den Grossgrundbesitzer, bei dem sie unter Vertrag stehen, sind sie allerdings nur ein billiger Ersatz für die immer teurer werdenden Sklaven, und entsprechend ist auch die Behandlung. Die Auswanderer leben in ihrem Utopia unter jämmerlichen Verhältnissen, und ein perfides Verschuldungssystem treibt sie in eine immer grössere Abhängigkeit.

Eveline Hasler weiss in ihrem Buch ihr Wissen aus ihren beiden ehemaligen Studienfächern Psychologie und Geschichte geschickt zu verbinden: Vor einem realen geschichtlichen Hintergrund lässt sie Figuren agieren, die zwar ebenfalls historisch sind, denen sie aber fiktives Leben einhaucht, das von einer umfassenden Menschenkenntnis und einer guten Beobachtungsgabe zeugt. So wird aus der Dokumentation Literatur. Exakte Recherchen also auf der einen, literarische Verarbeitung und Ergänzung auf der andern Seite.

Die Entstehung des Buchs hört sich so spannend an wie sein Inhalt: Eveline Hasler beschrieb während ihrer Leseung in der Buchhandlung Atropa dem zahlreichen und deshalb dicht gedrängt sitzenden Publikum, wie sie durch Glück an die Aufzeichnungen eines gewissen Thomas Davatz geriet. Davatz, ein Lehrer, wanderte mit jenen 250 Menschen nach Brasilien aus und hatte den Auftrag, den Heimatgemeinden Bericht über den Ablauf der Reise zu erstatten. Seine Beschreibung ist Zeugnis eines eher unbekannten Teils schweizerischer Geschichte: Hunger, Armut und die Krise der Textilindustrie kennzeichnen diese Zeit, welche so viele das Glück in Übersee suchen liess. Ausserdem betrieb die Autorin Nachforschungen in verschiedenen Archiven und Bibliotheken, wodurch sie die äusseren Umstände der Auswanderung bis ins Detail rekonstruieren konnte.

Ohne Zweifel war Eveline Hasler von den Ergebenissen ihrer Nachforschungen betroffen. So sehr betroffen, dass sie sie nicht einfach in Form einer wissenschaftlich-historischen Arbeit veröffentlichte. Vielmehr wollte sie die Probleme jener Zeit für den Leser dadurch besser zugänglich machen, indem sie sie in ein literarisches Werk integrierte.

Eveline Hasler schloss ihre Lesung mit der Rezitation einiger Gedichte aus ihrem Band «Freiräume». Nur allzu deutlich zeigten diese, wie sehr sie die alltägliche Un-Menschlichkeit ihres Mensch-Seins empfindet. Und sie drücken eine sanfte Melancholie aus, welche den Glauben an eine Utopie nicht zulässt, die aber dennoch nicht Hoffnungslosigkeit signalisiert.

Das Buch «Ibicaba - Das Paradies in den Köpfen» ist im Verlag Nagel & Kimche erschienen.

© 2007 Martin Sauter | Optimiert für Mozilla Firefox