Monatsarchiv für Februar 2005

In der Realwelt angekommen

Sonntag, den 13. Februar 2005

Ebay Xchange-Point

  

Das virtuelle Auktionshaus Ebay ist definitiv in der Realwelt angekommen. Gestern im Zürcher Hauptbahnhof gesichtet: der Ebay Xchange-Point, wo man sich treffen kann, um Ersteigertes gegen Bares auszutauschen. Auch wenn wahrscheinlich wenige Ebay-Benutzer davon Gebrauch machen werden: Aus Sicht des Marketings ein tolle Idee. Denn schon bald werden Dates nicht mehr am hoffnungslos übervölkerten „Treffpunkt“ bei der grossen Bahnhofsuhr, sondern beim viel intimeren „Ebay Xchange-Point“ beginnen – und schon ist der Brand in aller Munde…

Alle kennen einen

Samstag, den 12. Februar 2005

„Alle kennen einen, der es geschafft hat.“ So erklärt Peter Baumgartner (bis vor kurzem Afrika-Korrspendent des Tages-Anzeigers), warum viele Afrikaner in Europa das suchen, was ihnen in Afrika fehlt: eine Perspektive in Form von Arbeit und Einkommen.

In Kenia beispielsweise gibt es für 450’000 neue Arbeitssuchende pro Jahr gerade mal 30’000 Stellen. Unter diesen Umständen haben viele nur die Wahl, sich als Söldner in einem bewaffneten Konflikt wortwörtlich durchs Leben zu schlagen oder eben zu emigrieren. Dass dabei manchmal auch das Asylrecht missbraucht wird, verwundert unter diesen Umständen nicht – schadet allerdings den tatsächlich Verfolgten, die es natürlich auch in Afrika gibt.

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Paradox [1]

Donnerstag, den 10. Februar 2005

Paradox ist, sagt S., wenn man seinen Memory Stick vergisst.

Wider die Postkartenschweiz

Montag, den 7. Februar 2005

Wer die heile Welt der 08:15-Ansichtskarten nicht mehr erträgt, dem kann geholfen werden, bzw. der kann sich selbst helfen: Er gestaltet seine eigene, subversive Ansichtskarte, lässt sie drucken und schmuggelt sie dann in den Kartenständer eines Kiosks. Unter www.piratenkarten.ch steht, wie’s geht.

Das Ganze versteht sich als „heimliche Reform der Ansichtskarte“, und es geht darum, „die Ansichtskarte an sich zu radikalisieren“. Man kann dies als Aktionskunst verstehen (nachdem die Flashmobs etwas aus der Mode gekommen sind besteht hier ein gewisses Vakuum), man kann es aber auch nur als Schabernack, Kinderkram oder groben Unfug sehen. Ich persönlich finde es eine ungemein kreative Idee, die allerdings aus Kostengründen nicht beliebig viele Nachahmer finden dürfte.

(via Berner Gazette)

Digitaler Exhibitionismus

Sonntag, den 6. Februar 2005

Da gestaltet also der Künstler SISTM eine Ausstellung über Blogs. Er interessiert sich insbesondere für den Aspekt der Selbstdarstellung und der Selbstentblössung der Blogger. Die Tagesschau von SF DRS findet das – warum auch immer – einen Beitrag wert und schneidet ein paar pointierte Statements zusammen. Fertig ist das Klischee, das im wesentlichen besagt: Blogger sind gestörte Persönlichkeiten, die – getrieben von existentiellen Problemen und gefangen in ihrer Einsamkeit – im Internet ihr Innerstes preisgeben. Digitaler Exhibitionismus quasi. Blogs sind somit die dunkelste Ecke in der zwielichten Welt des Internets.

Schwer zu sagen ob dieser Tagesschau-Beitrag durch pure Ignoranz oder durch bewusste Boulevardisierung derart entgleist ist. Sogar SISTM fühlte sich bemüssigt, im Blog zur Ausstellung die Wogen zu glätten. Er habe das Bloggen nicht in seiner Gesamtheit bewerten wollen, sondern nur einen bestimmten Aspekt künstlerisch zugespitzt, nämlich die „Vereinsamung von Individuen in der Welt des Web“. Ausserdem will er die Schweizer Blogsphere dadurch beruhigen, dass hierzulande alles weniger dramatisch sei:

„Zudem hatte ich in dem, dem Tagesschau-Beitrag zugrunde liegenden Gespräch betont, dass es sich bei den Blog-Fragmenten um Texte aus GB, USA und Skandinavien handelt, wo ich Vereinsamung und Aspekte seelischer Störungen in stärkerem Masse beobachtet habe, als zum Beispiel in der Schweiz. […] Ich habe in diesem Zusammenhang von einer ‚Kultur des Exhibitionismus‘ vor allem in den USA gesprochen, hinter der ich jedoch auch grosse inhaltliche Leere und seelische Störungen sehe.“

Diese halbherzige Rechtfertigung bestätigt mehr, als sie dementiert. Letztlich sind Blogger für SISTM eben doch irgendwie pathologisch. Es ist sein gutes Recht, dies zu glauben, und in Einzelfällen mag er ja sogar recht haben. Aber man sollte sich hüten, dies als einen Auswuchs des Internets zu sehen: Autobiografische Literatur gab es schon immer, und die psychische Verfassung vieler Schriftsteller dürfte nach den Massstäben von SISTM ebenfalls in die Kategorie der „seelischen Störungen“ fallen. Wobei man ergänzen muss, dass wirklich relevante Literatur selten von Menschen geschaffen wird, die mit sich und der Welt absolut im Reinen sind.

(via Dienstraum)

Motivationsspritze für Entwickler

Samstag, den 5. Februar 2005

Bei kommerzieller Software ist es ziemlich einfach: Gibt es einen Markt, so findet sich auch ein Anbieter, der diesen Markt bedient, weil sich hier Geld verdienen lässt. Bei Open Source Software ist das ein bisschen anders: Findet ein Entwickler ein Feature sinnvoll bzw. spannend, so entwickelt er es – sonst lässt er es bleiben.

Was aber, wenn die Anwender ein Feature zwar dringend benötigen, aber keinen Entwickler überzeugen bzw. motivieren können, es zu implementieren? Bei Horde (einem PHP-Framework) greift man auf das Schmiermittel der kommerziellen Welt zurück: Geld. Bei der Horde Bounty Hunt können Anwender ein Feature wünschen und dafür eine Prämie aussetzen. Verglichen mit den Preisen, die man für massgeschneiderte Software-Entwicklung bezahlt, sind diese Prämien zwar ein Taschengeld – und doch scheinen sie zu funktionieren, wie die Liste der eingeforderten Prämien zeigt.

Ich frage mich einfach: Welche der Übersetzungen für das Wort „Bounty“, die mir LEO anbietet, ist wohl in diesem Zusammenhang die treffende: „Spende“, „Subvention“ oder vielleicht doch eher „Kopfgeld“?

Small is beautiful

Donnerstag, den 3. Februar 2005

Wachstum als oberstes Ziel (um nicht zu sagen: Selbstzweck) ist uns derart selbstverständlich geworden, dass es auffällt, wenn jemand nicht wachsen will. Markus Ruf von der Werbeagetur Ruf Lanz, die gerade mit ADC-Würfeln überhäuft wurde:

„Weil wir klein und unabhängig sind, können wir es uns leisten, ehrlich zu unseren Kunden zu sein und jene Lösungen zu präsentieren, von denen wir wirklich überzeugt sind. Ab einer bestimmten Grösse ist aus wirtschaftlichen Überlegungen eher vorauseilender Gehorsam angesagt.“

„Wachstum an sich ist kein Ziel. […] Langfristig sehen wir uns bei etwa 15 Mitarbeitern (derzeit sind’s acht). Mehr sollen es auch deshalb nicht werden, weil Danielle Lanz und ich nicht zu Managern mutieren, sondern weiterhin selber Kampagnen aushecken wollen.“

Das ganze Interview gibt es bei persoenlich.com.

To think about [5]

Mittwoch, den 2. Februar 2005

Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt. Damit lässt sich selbst der Wille gefangen nehmen.

Jean-Jacques Rousseau