Funkstille?

18. Januar 2005 | Tim Springer

Stille bei den Funk-Etiketten: RFID-Technik kämpft mit Startschwierigkeiten” titelte die Neue Zürcher Zeitung vor einigen Tagen. Sind das nun gute oder schlechte Neuigkeiten?

RFID-Tags sollen schon bald die Strichcodes ablösen, die uns heute auf unterschiedlichsten Produkten vom Katzenfutter bis zum Vanillepudding begegnen. Das Kürzel steht für Radio Frequency Identification, und die Bezeichnung sagt klar, worum es geht: Identifikation per Funk statt (wie bei den heutigen Strichcodes) per Laserscanner. Die Identifikation erfolgt damit deutlich schneller, weil kein Sichtkontakt zwischen dem RFID-Tag und dem Leser erforderlich ist. Das ist sehr praktisch, weil man so im Supermarkt nicht mehr jeden Artikel aufs Band legen muss – es reicht, wenn man mit dem vollen Einkaufswagen an der Kasse vorbeifährt. Kürzere Wartezeiten beim täglichen Einkauf: Welcher Konsument würde sich das nicht wünschen?

Interessanterweise wehren sich ausgerechnet die Konsumentenschützer gegen die flächendeckende Einführung von RFID-Tags. Ihre Argumente sind im wesentlichen:

  • RFID-Tags identifizieren nicht bloss den Produkttyp (wie ein Strichcode), sondern das individuelle Produkt. Der Strichcode ist eine reine Produktenummer, das RFID-Tag hingegen eine Seriennummer. Das lässt sich absolut sinnvoll nutzen, indem beispielsweise abgelaufene Lebensmittel erkannt werden können. Das ist aber auch ein weiterer Schritt zum gläsernen Konsumenten: Falls dieser elektronisch bezahlt, kann man die IDs der gekauften Produkte mit der Identität des Konsumenten zusammenführen. Und wo immer das RFID-Tag später wieder auftaucht legt es dann eine Spur zu seinem Käufer.
  • RFID-Tags können völlig unbemerkt gelesen werden. Beim Scannen eines Strichcodes weiss man zwar nicht unbedingt, welche Information im Strichcode verschlüsselt ist, aber man sieht zumindest, dass er gelesen wurde. Beim RFID-Tag hingegen hat man nicht einmal die Chance zu erkennen, dass Daten übermittelt wurden. Für die Diebstahlsicherung mag dies akzeptabel sein (und wird ja auch schon in vielen Läden praktiziert), aber wenn der ehrlich bezahlte Inhalt der eigenen Taschen auch noch ausserhalb eines Ladens ausspioniert werden kann, dann ist das eine ganz andere Geschichte.
  • RFID-Tags bleiben auch nach dem Kauf lesbar, also wenn sie ihren ursprünglichen Zweck bereits erfüllt haben. Da sie keine Energiezufuhr benötigen (die erforderliche Energie für die Datenübermittlung entnehmen sie den Funkwellen des Lesers), bleiben sie im Prinzip so lange lesbar, wie das Produkt existiert – also unter Umständen jahrelang. Man kann ein RFID-Tag nicht abschalten, nur zerstören oder wegwerfen.
  • RFID-Tags lassen sich äusserst diskret an oder in Produkten anbringen. Der Konsument hat dadurch kaum eine Chance, das Vorhandensein eins Tags festzustellen. Und selbst dann kann er ihn unter Umständen nicht entfernen, ohne das Produkt zu zerstören.

Zusammengefasst: RFID-Tags können zwar den Warenfluss massiv optimieren, und sie bieten auch in anderen Anwendungsgebieten klare Vorteile. Andererseits werden sie uns aber ein weiteres Stück unserer Privatsphäre rauben – eine grosses Stück, weil sie in unserem Alltag bald omnipräsent sein werden. Oder sind sie es vielleicht schon? Ohne dass man sich einen RFID-Leser anschafft, wird man nie letzte Gewissheit haben…

Links zum Thema RFID:

2 Kommentare

  1. Trackback von netbib weblog

    Seriennummern liegen in der Luft
    Weitblick fasst kurz und verständlich die technischen Besonderheiten der RFID-Funkchips zusammen – bewußt einseitig aus Sicht der Konsumenten all der Waren, an denen die Dinger demnächst kleben werden. Der Einsatz in Bibliotheken wird zwar nicht expliz…


  2. Pingback von Wal-Mart treibt RFID-Markt an » RiFID.de – RFID und Pervasive Computing

    […] weitblick.ch: Funkstille? […]


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