Be Gentle, Ladies!

24. März 2005 | Tim Springer

Zugegeben: Viele Männer sind heute nicht mehr das, was man einst als Gentleman zu bezeichnen pflegte. Und viele junge Mütter, die einen Kinderwagen in einem öffentlichen Verkehrsmittel transportieren wollen, beklagen sich zu recht über die oft fehlende Hilfsbereitschaft. Als durchaus hilfsbereiter männlicher ÖV-Benutzer muss ich jedoch um der Gerechtigkeit willen eine andere Tatsache zur Sprache bringen, die nur allzu gern verschwiegen wird: Viele junge Mütter machen es potentiellen Kinderwagenträgern unnötig schwer.

Herr A. und Frau B.

Nehmen wir das obige Beispiel: Herr A. will aus dem Bus aussteigen. Draussen steht Frau B. mit ihrem liebreizenden Nachwuchs und möchte in denselben Bus einsteigen. Klar, dass Herr A. Frau B. helfen würde – aber Frau B. macht es Herrn A. wirklich so schwer wie nur möglich. Warum?

Versetzen wir uns in Herrn A. Wo soll er den Kinderwagen halten? Frau B. lässt ihm keine Wahl, da sie den bequemen Handgriff nicht aus der Hand gibt. Für Herrn A. bleiben also nur die (meist schmutzigen) Vorderräder – wozu er sich tief bücken muss – oder irgend ein (meist nicht dafür gedachter) Vorsprung – den er in der Eile meist nicht findet, schliesslich sieht er das Fabrikat in der Regel zum ersten Mal. (Dass er zudem noch eine Aktentasche in der einen Hand trägt, macht für ihn die Sache natürlich auch nicht einfacher.)

Nehmen wir an, dass Herr A. trotz widriger Umstände diese Hürde genommen hat. Wie weiter? Frau B. beginnt von unten zu schieben, und Herr A. muss sich notgedrungen entscheiden, ob er sich aufrichten (und damit den Kinderwagen in eine für den Insassen gefährliche Schräglage bringen) oder halb kauernd rückwärts die Bustreppe hinaufkriechen will. (Ich glaube, spätestens jetzt bei Herrn A. erste Schweissperlen auf der Stirn ausmachen zu können.)

Und jetzt das Finale: Herr A. wird also von Frau B. in den Bus zurückgeschoben, aus dem er eigentlich entsteigen wollte. Kinderwagen und Frau B. versperren Herrn A. nun ziemlich sicher den Ausgang, und Frau B. hat sowieso nur Augen für einen Kinderwagenstandplatz, um rechtzeitig die Bremsen setzen zu können, bevor der Busfahrer wieder losprescht. Falls in dieser Situation kein anderer Fahrgast Herrn A. freundlicherweise die Türe offenhält, hat Herr A. gute Chancen, zusammen mit Frau B. noch eine Station weiter zu fahren, weil er nicht mehr rechtzeitig aussteigen kann.

Was also junge Mütter (und übrigens auch junge Väter, sofern sie den Kinderwagen nicht machomässig ohne fremde Hilfe in den Bus wuchten) im Geburtsvorbereitungskurs unbedingt lernen sollten:

  • Die Handgriffe sind immer oben, d.h. ins Businnere gerichtet. So kann man fast jeden Kinderwagen ohne bandscheibenschädigendes Bücken und einigermassen waagerecht anheben.
  • Wer einsteigt (oder drin bleibt) kriegt die Handgriffe. Wer aussteigt kriegt die Räder. Egal ob man Elternteil oder Gentleman ist.

1 Kommentar

  1. Kommentar von zorra

    Kürzlich habe ich einer Freundin geholfen, den Kinderwagen ein paar Stufen hochzutragen. Ich bin beinahe mit kaputtem Rücken zusammengebrochen. Deshalb an die Kinderwagenhersteller: Produziert leichtere Wagen.


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