Unwort des Tages

9. Januar 2005 | Tim Springer

Sie wissen, was eine „Schornsteinkarriere“ ist? Nein, es hat weder damit zu tun, dass man als Arbeitnehmer verheizt wird, noch damit, dass man durch die Produktion von heisser Luft immer höher steigt. Eine „Schornsteinkarriere“ ist vielmehr der Terminus Technicus für eine geradlinige Karriere, bei der man immer im gleichen Metier bleibt und zunehmend mehr (Führungs-)verantwortung trägt. Derartige klassische Karrieren (sie werden auch Stufenleiter-, Fahrstuhl- oder Kaminkarrieren genannt) seien zunehmend weniger wichtig, weil sowohl die Arbeitnehmer als auch die Unternehmen immer individuellere und wechselnde Bedürfnisse hätten – so zu lesen im neusten ALPHA. Patchwork-CVs werden sexy? Mir soll’s recht sein!

Man ist, was man isst

8. Januar 2005 | Tim Springer

Roman Bleichenbacher hat mit seiner Diplomarbeit Codecheck den SWITCH Award 2004 gewonnen – und er hat ihn verdient.

Codecheck ist eine Online-Datenbank mit Produkten des täglichen Bedarfs. Sie gibt detailliert Auskunft über die Zusammensetzung von Lebensmitteln, Kosmetika und ähnlichem. Auch Zusatzstoffe (z.B. die berüchtigten E-Nummern) oder Labels (z.B. die diversen Bio-Labels) werden hier detailliert erklärt. Ein bestimmtes Produkt kann man entweder über konventionelle Suchmethoden aufrufen – oder (daher der Name Codecheck) durch Eingabe des EAN-Codes.

In Zukunft möchte Bleichenbacher noch einen Schritt weiter gehen: Er möchte im Laden mit der Handy-Kamera einen Strichcode fotografieren, diesen an seine Datenbank schicken und postwendend detaillierte Produkteinformationen abrufen können.

Noch einfacher wäre es natürlich, wenn in den Läden Internet-Terminals mit einem Strichcode-Scanner stehen würden. Ich bin gespannt, welche Detailhandelskette als erste das Potential dieses Konzepts versteht – wobei es ziemlich viel Mut brauchen würde, die Inhaltsstoffe der Produkte so schonungslos offenzulegen. Denn auf Codecheck finden sich auch zahlreiche Hinweise auf Untersuchungen von Kassensturz, Konsumentenforum, Stiftung Warentest, Öko-Test, BAG, kantonalen Lebensmittel-Kontrollstellen etc., und diese Untersuchungen fallen nur zu oft ziemlich erschreckend aus. Wer würde sich beispielsweise noch ein Glas Honig in den Einkaufswagen packen, wenn er lesen muss:

Kassensturz fand in fünf von zwölf getesteten Schweizer Honigen Rückstände eines Mottenmittels der Giftklasse 4.“

Zoom In

8. Januar 2005 | Tim Springer

Wer glaubt, schon alles von der Welt gesehen zu haben, darf seine Meinung getrost revidieren: Selbst wenn der Macrokosmos einmal erforscht ist, gibt es im Mikrokosmos noch immer eine unglaubliche Vielfalt von Farben und Formen zu entdecken. Den Beweis treten die Biologin Nicole Ottawa und der Fotograf Oliver Meckes mit ihren wissenschaftlichen Fotografien an – zusammen sind sie das Eye of Science. Ohne die beiden hätten wir vielleicht nie erfahren, wie eine Krätzmilbe oder ein Klettverschluss aus der Nähe aussehen.

Das 10 x 10 für Cineasten

7. Januar 2005 | Tim Springer

Was die Hitparade in der Popmusik ist der Literaturkanon in der Bücherwelt. Doch was haben die Cineasten? Beispielsweise The 100 Most Essential Films von CineScene. Oder The A List: 100 Essential Films der National Society of Film Critics. Oder den Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung. Viel Stoff für düstere Winterabende!

Big Business

6. Januar 2005 | Tim Springer

Auch die Blogsphere bleibt von Fusionitis nicht verschont: Six Apart (Anbieter der Blog-Software Movable Type und des Blog-Service TypePad) übernimmt den Blog-Service LiveJournal mit rund 5.5 Millionen Bloggern. Die Motivation von Six Apart: Wachstum und Einkauf von technischem Know-how. Die Motivation von Danga (LiveJournals): Verstärkung in den Bereichen Design, Usability, Marketing und Management. Wie das Mena und Brad im Detail sehen, liest man am besten selbst.

Happy New Year!

1. Januar 2005 | Tim Springer

Neujahr 2005

Political Correctness in Zeiten der Flut

31. Dezember 2004 | Tim Springer

Im Spiegel (und auch anderswo) lese ich, dass der Titel „Die perfekte Welle“ der Band Juli angesichts der Flutkatastrophe in Asien von diversen Radio-Playlists gestrichen wurde. Ähnlich ist es offenbar auch einigen anderen deutschen Titeln ergangen. Dies sei – so lassen sich die Radioverantwortlichen zitieren – ein übliches Vorgehen: Solche Titel zu spielen und dann in den Nachrichten über Zehntausende von Tsunami-Opfern zu berichten, sei geschmack- bis pietätlos.

Bei allem Respekt: Ist dies nicht ein bisschen vordergründig? Wer sich die Mühe macht, den Songtext von „Die perfekte Welle“ genauer zu studieren (beispielsweise hier), erhält den Eindruck, dass es hier weniger um Wasser als um Emotionen geht. Metapher nennt man sowas, aber dafür haben Volltextsuchen von Musikcomputern leider wenig Verständnis.

Wenn man dabei bleibt, dass dieser Song nicht mehr gespielt werden darf, dann stellen sich unweigerlich Folgefragen:

  • Wie sollen sich Sender verhalten, die das Wort „Welle“ sogar im Namen tragen (z.B. Deutsche Welle, Landeswelle Thüringen, Ostseewelle, Mainwelle, Welle West, Welle Niederrhein, Inn-Salzach-Welle)? Nach der obigen Logik müssten diese Stationen eigentlich den Betrieb einstellen.
  • Ab welcher Menge von Opfern ist es nicht mehr opportun, ein Thema musikalisch zu behandeln? Dass man wegen einiger abgestürzten Extrembergsteigern nicht gleich „Das Wandern ist des Müllers Lust“ aus den Schulbüchern verbannen muss, ist sicher Konsens. Aber nehmen wir beispielsweise die jährlich über 40’000 Verkehrstoten in der EU plus die nochmals gut 40’000 Verkehrstoten in den USA (Quelle) – müsste man da nicht konsequenterweise auf die Verbreitung aller Songs, welche das Autofahren verherrlichen, grundsätzlich und immer verzichten?
  • Wie bemisst sich die Frist, nach der es wieder geschmack- und pietätvoll sein wird, „Die perfekte Welle“ zu spielen? Die betroffenen Gebiete werden jahre- wenn nicht jahrzehntelang unter dieser Naturkatastrophe leiden, und viele Opfer sind ein Leben lang davon betroffen. Die Entscheidung, die gesperrten Titel eines Tages wieder auf die Playlist zu nehmen wird wesentlich zynischer sein als wenn man sie gar nie davon gestrichen hätte.
  • Last but not least: Ist ein englischer Song weniger pietätlos als ein deutscher? Insbesondere wo die Mehrzahl der Opfer sicher besser Englisch als Deutsch versteht? Man suche beispielsweise auf www.lyriks.de nach „Tide“ und wird rasch begreifen, dass dem Problem mit dieser Methode schlicht nicht bezukommen ist.

Das Beispiel zeigt: Political Correctness ist nur zu oft kein Zeichen für Sensibilität, sondern für Opportunismus. Dadurch ist sie tendenziell inkonsequent und wankelmütig. Sie zeugt meist nicht von einer vertieften Auseinandersetzung mit einem Thema, sondern im Gegenteil vom Bedürfnis, sich eben nicht wirklich mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen.

In diesem Sinn: www.glueckskette.ch

Spieglein, Spieglein

31. Dezember 2004 | Tim Springer

Mirror Project

Für einmal kein eigenes Foto, sondern eine Empfehlung: Unbedingt das Mirror Project besuchen! Wirklich erstaunlich, welche Vielfalt an Bildern sich aus einer so simplen Idee ergeben, sich selbst in einer spiegelnden Fläche zu fotografieren. Wobei weniger die Originalität des einzelnen Bildes als vielmehr deren Menge beeindruckt. Aber weil Selbstbildnisse meist sehr viel mehr aussagen als Fremdbildnisse ist trotzdem jedes einzelne Foto einen Blick wert.

Die Sache mit dem TrackBack

31. Dezember 2004 | Tim Springer

Jeder kennt dieses gruppendynamische Phänomen aus der Schule: Man denkt, man sei der/die einzige, der/die eine bestimmte Sache nicht kapiert hat, würde sich aber lieber die Zunge abbeissen als zu fragen. Dann bricht endlich jemand das Eis und stellt offen die entscheidende Frage – und plötzlich wird klar, dass es eigentlich niemand so richtig kapiert hat.

So ähnlich ging es mir als ich mich, auf das Eintreffen des deutlich verspäteten Sandmännchens harrend, dahinter machte, nach einem guten Monat aktiven Bloggens die Bedeutung des Wortes „TrackBack“ zu entschlüsseln.

Lassen wir zunächst Zahlen sprechen: Der Suchstring „Was ist Trackback“ liefert allein bei Google rund 9’890 Treffer, die englische Version „What is trackback“ bringt es auf rund 85’300 Treffer.

Die knappe Zusammenfassung: Offenbar versteht fast niemand so wirklich, wie TrackBack funktioniert. Und jeder erklärt es ein bisschen anders. Nach intensiver Lektüre habe ich nun meine persönliche Erklärung, und die geht so:
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s’Totemügerli läbt!

31. Dezember 2004 | Tim Springer

Immer wieder einmal – und zwar immer dann, wenn das Blog gerade nicht in Reichweite ist – stolpere ich über ein Wort, dass ich sonst völlig selbstverständlich (und auch ein bisschen achtlos) benutze, schaue es mir genauer an, und denke: Ein derart treffendes, originelles, liebevolles und selbst Fremdsprachigen intuitiv verständliches Wort kann es wirklich nur im Schweizerdeutschen geben. Natürlich fällt mir ausgerechnet jetzt (wo das Blog in Reichweite wäre) kein Beispiel ein, das meine These zweifelsfrei belegen würde; aber ich werde die Beispiele zu gegebener Zeit nachliefern.

Ein deutscher Freund ist beispielsweise dem Charme des Wortes Rundumeli (das sich mit Scheibchen wirklich nur äusserst dürftig übersetzen lässt) restlos erlegen. Ist eine kurze Erheiterung angesagt, rufe ich: „Rundumeli!“ oder auch „Rundumeli?“ – und er schmeisst sich weg.

So wirklich treffend sind aber eher die Verben: aapfurre zum Beispiel. Oder umegarettle. Oder schibäbele. Oder chröse. Wobei ich mir die Übersetzungsversuche an dieser Stelle erspare, denn schliesslich vertrete ich ja die These, dass diese Wörter selbst Fremdsprachigen intuitiv verständlich sind.

Nicht überzeugt? Dann führe man sich doch wieder einmal das Totemügerli von Franz Hohler zu Gemüte. Da wird mit sehr stimmigen, aber grösstenteils frei erfundenen Wörtern es bärndütsches Gschichtli erzählt, das jeder (irgendwie) versteht. (Eine Transkription gibt es beispielweise hier oder hier). Und auch heute noch, rund 25 Jahre nach meiner ersten Franz-Hohler-Kassette, kann ich mich immer noch wegschmeissen, sobald ich das Wort gschanghangizigerlifisionööggelet höre. Oder gibt es eine schönere Beschreibung für das plötzliche Erlamen des Lebensmutes als die Wendung, dass einem ds Härzgätterli zum Hosegschingg uspföderlet?