Frau Bossi und Herr Sommer

5. März 2005 | Tim Springer

Wer war eigentlich Betty Bossi – die Namensgeberin von Kochbüchern und -zeitschriften, Küchenutensilien und Convenience Food?

Die schlechte Nachricht zuerst: Betty Bossi hat nie existiert, so wie es auch Dr. Jochen Sommer von der Bravo nie gegeben hat. Betty Bossi ist eine Kunstfigur, erfunden für die Vermarktung des Speisefetts „Astra“ des Unilever-Konzerns. Oder sagen wir vielleicht besser: ein Pseudonym für ihre Erfinderin Emmi Creola, welche 1955 bis 1971 unter dem Namen Betty Bossi publizierte. Die ganze Geschichte ist zu lesen im Zürcher Unterländer.

(via völlig verplant)

Danke, Herr Bortoluzzi!

5. März 2005 | Tim Springer

Kompliment, Herr Bortoluzzi – das haben Sie hervorragend gemacht! Ihr Kommunikationstrainer wird seine helle Freude an Ihnen gehabt haben. Denn eigentlich ging es ja letzten Donnerstag im Interview bei 10 vor 10 um Ihre Niederlage in der Regierungsratswahl. Es ging darum, dass Sie vom CVP-Kandidaten Hans Hollenstein klar geschlagen worden sind und nun auf den zweiten Wahlgang verzichten – wohl wissend, dass das Resultat nur noch schlechter hätte ausfallen können.

Sie aber haben diese Niederlage zu einem fulminanten Propagandaauftritt genutzt. Ungefähr drei Mal haben Sie die Antwort auf eine Frage dazu genutzt, um vor der linken Mehrheit und deren Steuererhöhungen zu warnen. „Nach der Wahl ist vor der Wahl!“ werden Sie sich gesagt haben, und „Steter Tropfen höhlt den Stein!“.

Ehrlich gesagt habe ich mich ja ein bisschen geärgert, dass Daniela Lager Sie nicht abgeklemmt hat, spätestens beim dritten Mal, als bereits alle Zuschauer das Sprüchlein auswendig hersagen konnten. „Das haben Sie bereits gesagt, Herr Bortoluzzi, und wir alle kennen die Parolen den SVP!“ So hätte Daniela Lager Ihnen charmant aber bestimmt ins Wort fallen können.

Hat sie aber nicht getan. Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich das. Denn so haben Sie uns nochmals richtig schön vor Augen gehalten, warum wir Sie (oder präziser: den zur Wahl stehenden SVP-Vertreter) eben nicht gewählt haben: wegen der notorischen und phantasielosen Opposition gegen alles und jeden, wegen der unkonstruktiven und undifferenzierten Politik, und wegen des gelegentlichen Fehlens von Anstand und Fairness. Letzteres stört übrigens nicht nur mich, sondern auch einzelne SVP-Mitglieder: Man lese nur das Rücktrittsschreiben des Amtsvorgängers Christian Huber.

Symptomatisch für die Politik der SVP scheint mir die Nein-Parole zur neuen Kantonsverfassung zu sein. Ich habe diese Verfassung von A bis Z gelesen (Ja, die Ermunterung des Tagis hat Früchte getragen!), und es ist eine ausgesprochen gute Verfassung, die allen Anliegen angemessen Rechnung trägt. Wenn sich die SVP nicht einmal auf dieses Konsens einlassen mag, dann brauche ich auch keinen SVP-Vertreter in der Regierung und wähle mit Freuden den „Linken“ CVPler Hans Hollenstein. Nehmen Sie es nicht persönlich, Herr Bortoluzzi!

Velo entlaufen

5. März 2005 | Tim Springer

BikeRefinder heisst das – nach eigenen Angaben – „geniale Fahrrad-Fundsystem der Schweiz“. Per SMS kann der Besitzer sein Velo unter Angabe der Vignettennummer in der BikeFinder-Datenbank registrieren. Wird ein Velo gefunden, so meldet dies der Finder unter Angabe der Vignettennummer auf der BikeRefinder-Website – und schon erhält der Besitzer ein SMS mit dem Fundort seines Drahtesels.

An sich eine bestechende Idee. Das Problem ist nur, dass Velos ganz selten verloren gehen: Man vergisst sie nicht mal eben im Tram, und sie fallen nicht unbemerkt aus Manteltaschen. Sondern sie werden gestohlen, um nicht zu sagen entführt. Doch welcher Dieb ist schon so freundlich, dies auf einer Website zu melden? Und welcher Passant sieht einem abgestellten Velo an, dass es nicht durch seinen rechtmässigen Besitzer, sondern durch einen bösen Veloräuber dort parkiert wurde?

Vielleicht funktioniert’s ja trotzdem. Weil Schweizer eben Schweizer sind. Auf eines würde ich hingegen wetten: dass sich diese Idee im Ausland niemals durchsetzen wird!

Total unmodern

4. März 2005 | Tim Springer

Bundesrat Moritz Leuenberger zum Thema Medienvielfalt:

„Ich bestreite ohnehin, dass Konkurrenz die Qualität der Medien steigert. Im Gegenteil: Im Gerangel um die Einschaltquoten nähern sich Fernsehanstalten oft einem tieferen Niveau.“
(Interview im Bieler Tagblatt, zitiert auf persoenlich.com)

Wie recht er hat zeigt die Entwicklung der hiesigen Privatradios, die – mit wenigen Ausnahmen – in den letzten 20 Jahren so unglaublich belanglos, verkommerzialisiert und austauschbar geworden sind, dass es eine echte Wohltat ist, Radio DRS einzuschalten. Jawohl, ich stehe dazu, auch wenn es total unmodern ist und obwohl auch ich zu Pizzo-Groppera-Zeiten einen Radio-24-Wimpel an meiner Kofferradioantenne hatte: Ich bin ein leidenschaftlicher Fan der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanstalten geworden, weil dort Qualität und Quote zumindest gleichberechtigte Kriterien sind und sich zwischen Durchschnittlichem immer wieder einmal eine Perle findet.

Little Brother

2. März 2005 | Tim Springer

«Alltag» heisst das publizistische Projekt, mit dem uns die AZ Medien Gruppe einen Langzeiteinblick in das Leben einer Aargauer Familie vermitteln will. Einmal mehr soll also Voyeurismus Quote bzw. Auflage bringen, und konsequenterweise wird «Alltag» sowohl durch Printmedien (Aargauer Zeitung, Aargauer Woche) als auch durch elektronischen Medien (Radio Argovia, Tele M1) und das Internet (www.alltag.ch) begleitet. Zwar bemüht man sich in Aarau um Distanz zu anderen Projekten der jüngsten Vergangenheit:

„«Alltag» ist nicht vergleichbar mit Fernsehformaten wie «Big Brother» oder «Leben wie zu Gotthelfs Zeiten». Denn bei «Alltag» wird nichts inszeniert. Sondern es wird abgebildet, was ist: das ganz normale Leben mit all seinen kleinen Höhen und Tiefen. Dabei wird die Privatsphäre der Familie respektiert.“

Nur beobachten – nichts beeinflussen oder gar inszenieren: Diesem hehren Ideal haben schon in den 60er und 70er Jahren die Dokumentarfilmer nachgelebt – und sie mussten schliesslich einsehen, dass bereits die reine Präsenz von Kameras und Mikrofonen das Verhalten der beobachteten Menschen beeinflusst. Das wird bei «Alltag» nicht anders sein. Und was die Respektierung der Privatsphäre anbelangt: Massenmedien schaffen per Definition Öffentlichkeit, während sich Privatsphäre genau durch den Ausschluss der Öffentlichkeit definiert.

Kurz: Die Medienmacher aus dem Aargau versprechen etwas, das sie eigentlich gar nicht halten können. Und sollten sie es wider Erwarten trotzdem schaffen, dann wird «Alltag» etwa so spannend werden wie Schlangestehen, Tramfahren oder Abwaschen.

Nachlese: Aufschlussreich ist das Interview mit Jörg Meier, dem Initianten des Projekts, in Persönlich. Meine Bedenken kann er allerdings nicht zerstreuen – im Gegenteil: Sieben Journalisten werden ausschliesslich für das Projekt abgestellt…

14 Minuten für einen Big Mac

1. März 2005 | Tim Springer

Dass die Preise in der Schweiz zu den höchsten der Welt gehören habe ich jüngst schon einmal gebloggt. Die neuste UBS-Studie „Preise und Löhne“ bestätigt dies einmal mehr. Die 10 Städte mit dem höchsten Preisnivau weltweit sind (in Klammern das indexierte Preisniveau im Vergleich zu Zürich):

  1. Oslo (115.5)
  2. Kopenhagen (105.1)
  3. Tokio (101.3)
  4. Zürich (100.0)
  5. London (99.0)
  6. Stockholm (98.3)
  7. Basel (97.5)
  8. Paris (96.1)
  9. Genf (95.6)
  10. Lugano (93.9)

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Danke, Herr Danowski!

26. Februar 2005 | Tim Springer

Wer dieser Tage die Wahlzettel für die Zürcher Bezirksanwälte und Bezirksschulpfleger zur Hand nimmt, findet nebst der vorgedruckten Liste der Interparteilichen Konferenz eine zweite vor, die einen einzigen Namen trägt: Danowski Marian, Literaturagent, Zürich.

Zugegeben: Der von den Parteien ausgehandelte Kompromiss, der nicht einmal die Parteizugehörigkeit der Kandidaten offenlegt und von den Stimmbürgern bloss noch abgesegnet werden kann, ist sicher kein Ruhmesblatt für die Schweizer Demokratie.

Andererseits trägt auch der notorische Kandidat Danowski (vgl. etwa die Berichterstattung von SF DRS und NZZ) ganz sicher nichts zum Ansehen unserer Demokratie bei. Auch wenn er diesmal keine unwissenden Mitbürger auf seiner Liste aufführt, so ist das Ganze doch blosses Polittheater. Danke, Herr Danowski, für diesen engagierten und couragierten Beitrag zur Förderung der Wahlbeteiligung und des politischen Diskurses!

Echt, Mann!

26. Februar 2005 | Tim Springer

Kurt Rosenwinkel ist Musiker, ein ziemlich berühmter sogar, und zudem Lehrer an der Jazzschule Luzern. Allein damit hätte er es allerdings nicht in mein Blog geschafft. Das verdankt er einzig und allein dem Artikel im heutigen Magazin („Ein Tag im Leben von…“), wo der gebürtige Amerikaner so herrlich über die USA herzieht. Zugleich macht er Good Old Europe eine eigentliche Liebeserklärung, und die ist – im Gegensatz zu den Liebensdiensten, die wir uns derzeit von George W. Bush gefallen lassen – erfrischend echt.

Echtheit ist auch das Thema von Rosenwinkel, wenn er die USA mit der Schweiz vergleicht:

„Nichts ist mehr echt. Schlimmer noch, die Werbung hat sogar diese Kultur der echten Gefühle aufgenommen, um dir damit irgendwas zu verkaufen. […] An der Schweiz dagegen mag ich, dass die Leute hier wirklich das sind, was sie zu sein scheinen. Ich spreche mit einem Tankwart und merke, der Mann ist wirklich ein Tankwart, er versteht sein Handwerk. In den USA tun die Leute nur so, als wären sie Tankwart oder Parkgärtner oder Portier. Das kommt von dem ewigen ‚hire and fire‘, die Leute werden nicht mehr ausgebildet, du musst nichts mehr richtig können. Also spielen sie ihr Leben. Wir haben sogar einen Präsidenten, der nur so tut, als wäre er Präsident.“

Und das lassen wir jetzt einmal genau so stehen.

Up and down

25. Februar 2005 | Tim Springer

Stellvertretend für viele andere mit ähnlichem Inhalt die heutige Schlagzeile von NZZ online:

„Calida verdoppelt den Gewinn – Schweizer Produktion wird geschlossen“

Logisch, nicht? Wenn die Gewinne steigen, dann muss man natürlich Arbeitsplätze abbauen. Und wenn die Gewinne sinken erst recht. Eigentlich muss man also immer Arbeitsplätze abbauen.

Wohl verstanden: Es geht hier nicht um Calida – jedenfalls nicht nur. Denn im gleichen Stil haben viele andere Unternehmen in der jüngsten Vergangenheit kräftig Personal abgebaut, um dafür höhere Gewinner schreiben und ihre Manager fürstlich entlöhnen zu können. Vielleicht sollte ich mal die Pijama-Marke wechseln…

To think about [7]

21. Februar 2005 | Tim Springer

„Le véritable voyage de découverte ne consiste pas à chercher de nouveaux paysages, mais à avoir de nouveaux yeux.“

Marcel Proust