Digitaler Exhibitionismus

6. Februar 2005 | Tim Springer

Da gestaltet also der Künstler SISTM eine Ausstellung über Blogs. Er interessiert sich insbesondere für den Aspekt der Selbstdarstellung und der Selbstentblössung der Blogger. Die Tagesschau von SF DRS findet das – warum auch immer – einen Beitrag wert und schneidet ein paar pointierte Statements zusammen. Fertig ist das Klischee, das im wesentlichen besagt: Blogger sind gestörte Persönlichkeiten, die – getrieben von existentiellen Problemen und gefangen in ihrer Einsamkeit – im Internet ihr Innerstes preisgeben. Digitaler Exhibitionismus quasi. Blogs sind somit die dunkelste Ecke in der zwielichten Welt des Internets.

Schwer zu sagen ob dieser Tagesschau-Beitrag durch pure Ignoranz oder durch bewusste Boulevardisierung derart entgleist ist. Sogar SISTM fühlte sich bemüssigt, im Blog zur Ausstellung die Wogen zu glätten. Er habe das Bloggen nicht in seiner Gesamtheit bewerten wollen, sondern nur einen bestimmten Aspekt künstlerisch zugespitzt, nämlich die „Vereinsamung von Individuen in der Welt des Web“. Ausserdem will er die Schweizer Blogsphere dadurch beruhigen, dass hierzulande alles weniger dramatisch sei:

„Zudem hatte ich in dem, dem Tagesschau-Beitrag zugrunde liegenden Gespräch betont, dass es sich bei den Blog-Fragmenten um Texte aus GB, USA und Skandinavien handelt, wo ich Vereinsamung und Aspekte seelischer Störungen in stärkerem Masse beobachtet habe, als zum Beispiel in der Schweiz. […] Ich habe in diesem Zusammenhang von einer ‚Kultur des Exhibitionismus‘ vor allem in den USA gesprochen, hinter der ich jedoch auch grosse inhaltliche Leere und seelische Störungen sehe.“

Diese halbherzige Rechtfertigung bestätigt mehr, als sie dementiert. Letztlich sind Blogger für SISTM eben doch irgendwie pathologisch. Es ist sein gutes Recht, dies zu glauben, und in Einzelfällen mag er ja sogar recht haben. Aber man sollte sich hüten, dies als einen Auswuchs des Internets zu sehen: Autobiografische Literatur gab es schon immer, und die psychische Verfassung vieler Schriftsteller dürfte nach den Massstäben von SISTM ebenfalls in die Kategorie der „seelischen Störungen“ fallen. Wobei man ergänzen muss, dass wirklich relevante Literatur selten von Menschen geschaffen wird, die mit sich und der Welt absolut im Reinen sind.

(via Dienstraum)

Motivationsspritze für Entwickler

5. Februar 2005 | Tim Springer

Bei kommerzieller Software ist es ziemlich einfach: Gibt es einen Markt, so findet sich auch ein Anbieter, der diesen Markt bedient, weil sich hier Geld verdienen lässt. Bei Open Source Software ist das ein bisschen anders: Findet ein Entwickler ein Feature sinnvoll bzw. spannend, so entwickelt er es – sonst lässt er es bleiben.

Was aber, wenn die Anwender ein Feature zwar dringend benötigen, aber keinen Entwickler überzeugen bzw. motivieren können, es zu implementieren? Bei Horde (einem PHP-Framework) greift man auf das Schmiermittel der kommerziellen Welt zurück: Geld. Bei der Horde Bounty Hunt können Anwender ein Feature wünschen und dafür eine Prämie aussetzen. Verglichen mit den Preisen, die man für massgeschneiderte Software-Entwicklung bezahlt, sind diese Prämien zwar ein Taschengeld – und doch scheinen sie zu funktionieren, wie die Liste der eingeforderten Prämien zeigt.

Ich frage mich einfach: Welche der Übersetzungen für das Wort „Bounty“, die mir LEO anbietet, ist wohl in diesem Zusammenhang die treffende: „Spende“, „Subvention“ oder vielleicht doch eher „Kopfgeld“?

Small is beautiful

3. Februar 2005 | Tim Springer

Wachstum als oberstes Ziel (um nicht zu sagen: Selbstzweck) ist uns derart selbstverständlich geworden, dass es auffällt, wenn jemand nicht wachsen will. Markus Ruf von der Werbeagetur Ruf Lanz, die gerade mit ADC-Würfeln überhäuft wurde:

„Weil wir klein und unabhängig sind, können wir es uns leisten, ehrlich zu unseren Kunden zu sein und jene Lösungen zu präsentieren, von denen wir wirklich überzeugt sind. Ab einer bestimmten Grösse ist aus wirtschaftlichen Überlegungen eher vorauseilender Gehorsam angesagt.“

„Wachstum an sich ist kein Ziel. […] Langfristig sehen wir uns bei etwa 15 Mitarbeitern (derzeit sind’s acht). Mehr sollen es auch deshalb nicht werden, weil Danielle Lanz und ich nicht zu Managern mutieren, sondern weiterhin selber Kampagnen aushecken wollen.“

Das ganze Interview gibt es bei persoenlich.com.

To think about [5]

2. Februar 2005 | Tim Springer

Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt. Damit lässt sich selbst der Wille gefangen nehmen.

Jean-Jacques Rousseau

Für den Fall der Fälle

30. Januar 2005 | Tim Springer

Wer glaubt, dass Surfen Privatsache sei und niemand wisse, was man dabei so treibt, der hat nicht begriffen, wie das Internet funktioniert und was das Schweizer Recht zu diesem Thema sagt. Lapidar heisst es dazu im Tages-Anzeiger vom 20.1.2005:

„Seit dem 1. April 2004 sind sie [die Internetprovider] von Gesetz wegen verpflichtet, so genannte ‚Randdaten‘ zu speichern. Sie archivieren, wann von welcher IP-Adresse an welche IP-Adresse Daten geschickt wurden. […] Die Daten sind mindestens sechs Monate aufzubewahren und im Falle einer Strafverfolgung zugänglich zu machen.“

Interessant, dass sich allenthalben Widerstand gegen eine flächendeckende DNA-Datenbank regt, mit der man Gewaltverbrecher rasch überführen könnte – und dass man im Bereich der Informationstechnologie eine flächendeckende Überwachung auf Vorrat einfach so hinnimmt.

Die Sprecherin von Bluewin stellt immerhin klar, dass nur die IP-Verbindungen, nicht aber die konkreten Inhalte z.B. von E-Mails gespeichert würden. Wobei im gleichen Artikel der Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten zugeben muss, dass noch kein einziges Mal kontrolliert wurde, ob sich die Provider auch daran halten…

Abgehört

30. Januar 2005 | Tim Springer

Nicht mehr ganz frisch, aber nach wie vor aktuell: Der Artikel im FACTS über Wardrivers. Wer anschliessend mehr direkt ab Quelle erfahren will, schaut bei www.wardriving.ch vorbei. Dort kann man beispielsweise eine Karte mit den ungeschützte WLAN Access Points in den Städten Zürich, Basel, Luzern, Winterthur oder Baden herunterladen – und darüber erschrecken, dass mehr als die Hälfte aller WLAN-Besitzer nicht einmal die WEP-Verschlüsselung einschalten (wobei auch diese nicht absolut zuverlässig gegen Einbrüche schützt). Noch ein bisschen krasser sieht es in der Ostschweiz aus, wo Wardrivers über 80 Prozent der WLAN Access Points ohne WEP angetroffen haben. Höchste Zeit also für die 10 Sicherheitsmassnahmen für WLANs!

10 Sicherheitsmassnahmen für WLANs

30. Januar 2005 | Tim Springer
  1. WLANs nur dort einsetzen, wo keine Kabelverbindungen möglich sind.
  2. WLAN Access Point ausschalten, wenn er nicht gebraucht wird.
  3. WEP-Verschlüsselung einschalten und möglichst starke Verschlüsselung wählen (128 Bit).
  4. WEP-Schlüssel regelmässig ändern und dabei die allgemeinen Regeln für Passwörter beachten.
  5. MAC-Filter einsetzen, um den Zugriff auf den WLAN Access Point auf die eigenen Rechner zu beschränken.
  6. SSID (Name des WLANs) soll keine Rückschlüsse auf den Standort oder den Besitzer erlauben.
  7. SSID Broadcasting deaktivieren, damit das WLAN nicht öffentlich sichtbar ist.
  8. WLAN Access Point mit einer Firewall gegenüber dem LAN abschotten und alle Rechner im LAN mit den üblichen Massnahmen absichern (Logins mit Passwortschutz).
  9. Status/Log des WLAN Access Point regelmässig auswerten, um Einbrüche festzustellen.
  10. Nie der Illusion verfallen, das WLAN sei sicher oder gar unsichtbar.

Die Verführung der Macht

30. Januar 2005 | Tim Springer

Die SonntagsZeitung bringt heute einen lesenswerten Artikel über die Machtdemonstrationen von Steve Jobs bzw. seinen Anwälten: Apple Computer geht in jüngster Zeit immer wieder hart gegen Personen vor, denen sie Verrat von Geschäftsgeheimnissen oder Verletzung des Copyrights vorwerfen. Veröffentlicht beispielsweise ein Student einige Tage vor der Keynote von Steve Jobs Gerüchte über einen neuen Mac, dann ist das in den Augen von Apple ein einklagbarer Straftatbestand, zumal die Gerüchte stimmten und auf firmeninternen Quellen beruhten.

Es macht ein bisschen den Eindruck, dass Apple unter dem Eindruck eines alten Traumas überreagiert. Bekanntlich hat Microsoft für Windows kräftig beim Mac OS abgekupfert, und weil Apple einen nicht ganz so cleveren Vertrag mit Microsoft geschlossen hatte, konnte Microsoft dafür gerichtlich auch nicht belangt werden. Unter dem Eindruck eines ständig abbröckelnden Marktanteils kann man da natürlich schon ein bisschen empfindlich werden. Trotzdem ist es fatal, wenn ausgerechnet diejenige Firma, die keine Kunden, sondern nur Fans hat, derart rabiat gegen diese Fans vorgeht. Seien es Vorabinformationen über einen neuen Mac mini oder das Zitat einer Apple-Anzeige: Letztlich sind solche „Gesetzesverstösse“ doch primär eine Referenz an Apple und zugleich ein Multiplikator der eigenen Marketingaktivitäten.

Der einstige Hippie Steve Jobs, der nach wie vor jede Keynote in Bluejeans bestreitet, erscheint somit als ein weiteres Beispiel für die Binsenwahrheit, dass Macht korrumpiert. Eine Berliner Studentin, die ebenfalls mit Apples Rechtsabteilung Bekanntschaft machte, schrieb in einem Offenen Brief sehr treffend:

„Mensch, Steve, früher warst du doch ein Pirat, und jetzt benimmst du dich wie die Navy.“

foss.ch

30. Januar 2005 | Tim Springer

Eine paar Adressen für Leute, die sich für Free & Open Source Software speziell in der Schweiz interessieren:

Die Rüstungsspirale im Marketing

30. Januar 2005 | Tim Springer

Das Vokabular im Marketing wird immer kriegerischer: Nach Viral Marketing und Guerilla Marketing kommt nun das Stealth Marketing. Hinter all diesen Konzepten steckt dasselbe Problem: Konventionelle Marketing-Methoden erzielen nicht (mehr) die erhoffte Wirkung bei den Konsumenten, weil diese von Werbung überflutet werden und ihr auch kritisch gegenüberstehen. Selbst die Medien sind nicht mehr uneingeschränkt vertrauenswürdig, seit es Dauerwerbesendungen, Sponsoring, Product Placement und Publireportagen gibt. Konsumenten verlassen sich lieber auf Empfehlungen von anderen Konsumenten, was im Zeitalter des Internets nicht nur Mund-zu-Mund, sondern auch über Opinion-Portale wie Ciao oder DooYoo funktioniert.

Vor diese Herausforderungen gestellt haben die Marketing-Strategen eine effektive, aber auch zynische Antwort gefunden: Wenn die Konsumenten unserer Werbung nicht mehr glauben, sondern nur noch anderen Konsumenten, dann bezahlen wir doch einfach Konsumenten dafür, dass sie für uns Werbung machen – und zwar ohne dass sie dies offen zugeben. Marqui und BzzAgent sind zwei Beispiele dafür (mehr dazu bei Markus Breuer).

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